Das melodische Kontinuum am Beispiel des Popularmusik-Hintergrunds der traditionellen Vokalisen im Alpenraum.

Vortrag, gehalten von Simon Wascher, Wien, im Rahmen des Analytische Zugänge zur Volksmusik heute, Wien 2023


Ein wichtiger Schwerpunkt meiner Forschungen bei TRADMUS ist die Distribution der überlieferten Melodien. Die Meldien werden dazu in computerlesbarer symbolischer Notation erfasst (meist von Noten nach abc-Notation transkribiert). Die digital erfassten Korpora können nun computerunterstützt miteinander verglichen werden um die Verbreitung der Melodien zu zu untersuchen.
Die Verwendung des Computers führt zu klaren analytischen Regeln: Jede Gleichheit, jede Ähnlichkeit basiert auf nachvollziebaren Programmierzeilen und kann auf die gesamten Korpora gleichermassen angewandt werden um diese mit fixen Kriterien zu vergleichen.

Zur Zeit untersuche ich den Korpus der traditionelle Vokalisen aus dem Alpenraum, konkret aller Melodien die entweder als „Jodler“, "Jodel", "Almer", "Ludler", "Alpenmelodien" usw. bezeichnet wurden oder zur wortlosen vokalen Ausführung notiert wurden.
Zur Zeit mit der Limitierung auf Notate vor 1904, wobei aus der Schweiz zusätzlich der von Max Peter Baumann angelegte Korpus von Jodeln erfasst wurde der weitgehend erst spätere Quellen abdeckt und etwa 100 Natur-Juiz die erst im 20. Jahrhundert entstanden sind.

Um auch den Kontext dieser Vokalisen zu beleuchten wird dieser mit anderen Korpora, etwa Lied- und- Tanzmusik-Korpora verglichen.(= ca. 20.000 Melodien)


Vor 155 Jahren hat Guido Adler wohl als erster Musikwissenschafter in einer seiner Publikationen auch mehrere traditionelle Vokalisen aus dem Alpenraum publiziert. Vor 121 Jahren verwendete Josef Pommer in seinem Buch "444 Jodler und Juchezer" eine melodische Katalogisiereung dieser Vokalisen.
Auch wenn in heutigen Publikationen dieser traditionellen Vokalisen oft umfangreiche Quellenangaben mitgegeben werden so fehlt doch bisher eine systematische Katalogisierung dieser Vokalisen.
Es fehlt Ein Werk, wie es das DVA für die Balladen über die Jahrzehnte geschaffen hat, das diese Vokalisen aus sich selbst heraus katalogisiert und ordnet. Das ist, ob der Bedeutung dieser traditionellen Vokalisen in der musikwissenschaftlichen Rezeption der musikalischen Regungen der Bewohner des Alpenraumens, erstaunlich.

Der von mir für TRADMUS kuratierte Korpus zu den Vokalisen umfasst zur Zeit etwa 2000 Einträge.

Aus diem Korpus erstelle ich einen Inzipit-Katalog, die Sortierung erfolgt computergestützt. Einander gleiche und ähnliche Melodien kommen so zusammen. Die Sortierung ist skalenneutral und basiert nur auf den vereinfachten Intervallfortschreitungen und relativen Dauern.


Praktische Beispiele

Im Folgenden möchte ich einige Beispiele zeigen um die Einbettung der Vokalisen sichtbar zu machen.

Die bei den Vokalisen gelegentlich umstrittene metrische Deutung, Fragen der Puls- oder Dauern-Notation sind für meine Sortierung grundsätzlich ohne Bedeutung. Die relativen Dauern werden erst bei Übereinstimmung der Intervallfortschreitungen berücksichtigt.

In den drei Büchern von Josef Pommer kann ich auf der Basis meiner Korpora 46 verschiedene Melodien nachweisen, die anderswo als Tanz oder Lied belegt sind.
  • Diese 46 Melodien kommen in 110 (= 14%) der ca. 800 Vokalisen bei Pommer vor.
    In den Vokalisen des von Max Peter Baumann 1973 zusammengestellen Korpus kann ich auf der Basis meiner Korpora 53 verschiedene Melodien nachweisen, die anderswo als Tanz oder Lied belegt sind. Diese 53 Melodien kommen in 89 (= 32%) der 273 Vokalisen bei Baumann voz.
  • Allerdings sind diese beiden Korpora nur bedingt vergleichbar, weil der Pommer-Korpus 1906 endet und der Baumann-Korpus in wesentlichen Teilen erst danach gesammelt wurde.

    Manche Melodien sind sehr verbreitet. Es ist schwer zu sagen ob Kontinuität, Konvergenz oder Koinzidenz die Ursache sind, aber das macht wenig Unterschied, allgemein üblich ist jedenfalls der Fall.

    Die folgenden neun Melodien kommen in beiden Korpora vor und es gibt sie auch als Lied oder Tanzmelodie. Sie kommen 22 Mal im Baumann-Korpus (in 8% des Korpus) und 62 Mal (in 7,8% des Korpus) im Pommer-Korpus vor.

  • Einträge als Tanzmelodie sind blau markiert
  • Einträge als Liedmelodie sind grün markiert
    Die erste dieser Melodien und ihr sehr ähnliche haben insgesamt 62 Vorkommen in all meinen Korpora:
    Viele Melodien verlaufen nach diesem Schema, ein weiteres Beispiel: Einen anderen Teil dieser Verwandtschaft habe ich in folgenden synoptischen Tafel zusammengefasst.

    Nicht alle Melodien sind gleich häufig, manche eher selten. Aber auch die Folgenden stehen in beiden Vokalisen-Korpora und sind auch als Tanz oder Lied zu finden


    Mein frühester Beleg der nächsten Melodie stammt aus der Sammlung Oskar Kolberg
    Bemerkenswert im folgenden Beispiel ist Leonz Gaßmanns Bezeichnung Ländler zum Melken. Praktisch gesehen soll Melkende diese Melodie Jodeln. Wir halten fest: Gaßmann für sind Ländler und Jodeln hier kein Gegensatz.

    Im folgenden Beispiel ist zu sehen wie die Melodie in verschiedenen Taktarten notiert wird (2/4, 3/4 als 8- und 16-Takter, 4/4) aber substanziell die selbe bleibt.


    Eine der frühen, nicht jedoch das erste Vorkommen dieser Melodie ist in The Jodeln Waltzes. As performed by the Swiss Peasantry at their Public amusements, and by the Rainer Family at the Egyptian Hall, Picadilly London.

    Sieben offenbar sehr populäre Melodien deren frühester mir bekannter Beleg die Tanzmusik-Handschrift des Josef Donat ist, entstanden um 1800, finden sich in über 70 Notaten des Vokalisen-Korpus. Bei Gaßmann, Tobler, Kohl, Moscheles, Steinegger, Ruttner, Adler, Werle, Pommer, Felder, als Zäuerli, im Schweizer Volksliedarchiv.

    Sechs Melodien aus der Tanz-Musik des Johann Michael Schmalnauer in elf Notaten von des Vokalisen-Korpus, bei Fischer, Zack, Werle, Tobler, Kohl, Pommer, im Schweizer Volksliedarchiv.


    die nächste Melodie zeigt wie eine Melodie selbstähnlich ist auch wenn sie auf verschiedenen Tönen beginnt:

    Beginn am Grundton

    Beginn auf der Sekund

    Beginn auf der Terz

    Beginn auf der Quart

    Beginn auf der Sext

    Beginn auf der Septim

    Zur Melodie-Variante die auf der Septim beginnt, schreibt schon Pommer: Anm. Dieser Jodler wird auch beim Singen von vierzeiligen verwendet.

    [Pommer 1889p33n44]

    Und hier noch "dasselbe" Variiert:


    Für die folgende Melodie habe ich zur Zeit 35 verschiedene Konkordanzen als Tanz und als Vokalise. 14 Mal steht sie als Stimme einer Vokalise bei Pommer. Es gibt sie als Vokalise bei Josef Felder, Moscheles, Gaßmann, Kohl, Werle, im Schweizer Volksliedarchiv, aber auch als Tanz bei Donat, Schmalnauer, Sladochslabek, Steinegger, als Walzer in der Hanny Christen Sammlung, als oberösterreichischer Landler...


    Die folgende Melodie zeigt einen Ansatz zu der Frage nach Koinzidenz, Konvergenz oder Kontinuität. Diese Melodie ist in der Schweiz und in Österreich beliebt.
    Eine sehr ähnliche, die "Übernsee"-Melodie findet sich in Österreich oft, in der Schweiz kaum. Koinzidenz und Konvergenz aber würden eher eine gleichartige Verteilung erwarten lassen. Auch hier gibt es wieder enge Verwandtschaft auf anderem Beginnton. Diese Variante wird in machen Traditionen als B-Teil zur ersteren benützt. Intuitiv ist auch die folgende Melodie erstaunlich ähnlich:

    Diese Melodie ist in Die Berliner in Wien erstmals belegt.

    das folgende Beispiel zeigt gut die Problematik der Unterscheidung von Konvergenz und Kontinuität. Motivisch ident, aber ob die Ursache lediglich im gemeinsamen musikalischen Regelsatz besteht in dem Tonleitern fundamental sind, ist aus dem Material unbeantwortbar.



    Pommer schreibt: das „Aflenzer Gläut“ Nr. 61, der „Gradenalmer“ aus Kirchdorf in O.=Ö., der „Hinterberger“ und der „Brettelklieber“ sind nur verschiedene Singweisen eines und desselben Jodlers.(Pommer 1902p)
    Immer wieder gibt es auch Fälle in denen ein Lied mit Vokalise auf der Basis nur einer Melodie ausgeführt wird. Zuerst wird auf die Melodie ein Text gesungen, dann wird die selbe Melodie als Vokalise vorgetragen.

    Das folgende Beispiel sang Resi Egghart, Steuereinnehmers=Gattin, Josef Pommer 1899 als Lied mit Vokalise vor, in anderen Quellen findet sie sich als Polkateil: Pommer merkt dazu an: >Darauf folgt dann der voranstehende Jodler. Derselbe wird aber auch oft allein gesungen.


    Das folgende Beispiel wurde 1889 von Pommer erstmals als Vokalise publiziert: Es ist die erste Walzermelodie aus Josef Lanners Op. 180, "Abend-Sterne Walzer" - und, die Divinerinnen haben uns die Melodie gesten Abend gesungen, als Wiener Lied.
    In Schweden ist diese Melodie in Moll überliefert:


    Pomer schreibt dazu: Wird als Jodler wiederholt.
    Ein Beispiel mit einer Parallele aus Schleswig-Holstein: Klaus Wenger schrieb mir dazu Folgendes: Michael Thaut hat das Stück in: Das große Fiddlebuch" S. 83 (Voggenreiter Verlag 1981). Dazu schreibt er:"Der Herr Musikdirigent W. Schröoder aus Gleschendorf bei Hohenfelde (Schleswig-Holstein) ging einmal vor langer Zeit (1835) zwischen Schafkoppeln in der Propstei spazieren. Da saß, genau vor der Koppel Lammdal, ein alter Fiddler und spielte diese Melodie. Herr W. Schröder schrieb alles zuhause beglückt auf und nannte das Stück einfallsreich "Vör Lammdal up'n Steen". Es erschien bereits im selben Jahr in einem handgeschriebenen Notenheft im Lauenburgischen.

    Zusätzlich zu all diesen ziemlich vollständigen Parallelen gibt es auch viele idente Inzipits. Diese einzuordnen ist schwierig.
    Hier sind einerseits die Mechanismen konvergenter musikalischer Regeln besonders wirksam aber wie im folgenden Beispiel ist es auch gut vorstellbar, dass ein konkretes musikalisches Zitat vorliegt, wofür ein Erinnern ans Thema genügt.

    Resumée