Ein wichtiger Schwerpunkt meiner Forschungen bei TRADMUS ist die Distribution der überlieferten Melodien.
Die Meldien werden dazu in computerlesbarer symbolischer Notation erfasst (meist von Noten nach abc-Notation transkribiert).
Die digital erfassten Korpora können nun computerunterstützt miteinander verglichen werden um die Verbreitung der Melodien zu zu untersuchen.
Die Verwendung des Computers führt zu klaren analytischen Regeln: Jede Gleichheit, jede Ähnlichkeit basiert auf nachvollziebaren Programmierzeilen und kann auf die gesamten Korpora gleichermassen angewandt werden um diese mit fixen Kriterien zu vergleichen.
Zur Zeit untersuche ich den Korpus der traditionelle Vokalisen aus dem Alpenraum, konkret aller Melodien die entweder als „Jodler“, "Jodel", "Almer", "Ludler", "Alpenmelodien" usw. bezeichnet wurden oder zur wortlosen vokalen Ausführung notiert wurden.
Zur Zeit mit der Limitierung auf Notate vor 1904, wobei aus der Schweiz zusätzlich der von Max Peter Baumann angelegte Korpus von Jodeln erfasst wurde der weitgehend erst spätere Quellen abdeckt und etwa 100 Natur-Juiz die erst im 20. Jahrhundert entstanden sind.
Um auch den Kontext dieser Vokalisen zu beleuchten wird dieser mit anderen Korpora, etwa Lied- und- Tanzmusik-Korpora verglichen.(= ca. 20.000 Melodien)
Vor 155 Jahren hat Guido Adler wohl als erster Musikwissenschafter in einer seiner Publikationen auch mehrere traditionelle Vokalisen aus dem Alpenraum publiziert. Vor 121 Jahren verwendete Josef Pommer in seinem Buch "444 Jodler und Juchezer" eine melodische Katalogisiereung dieser Vokalisen.
Auch wenn in heutigen Publikationen dieser traditionellen Vokalisen oft umfangreiche Quellenangaben mitgegeben werden so fehlt doch bisher eine systematische Katalogisierung dieser Vokalisen.
Es fehlt Ein Werk, wie es das DVA für die Balladen über die Jahrzehnte geschaffen hat, das diese Vokalisen aus sich selbst heraus katalogisiert und ordnet.
Das ist, ob der Bedeutung dieser traditionellen Vokalisen in der musikwissenschaftlichen Rezeption der musikalischen Regungen der Bewohner des Alpenraumens, erstaunlich.
Der von mir für TRADMUS kuratierte Korpus zu den Vokalisen umfasst zur Zeit etwa 2000 Einträge.
Aus diem Korpus erstelle ich einen Inzipit-Katalog, die Sortierung erfolgt computergestützt. Einander gleiche und ähnliche Melodien kommen so zusammen. Die Sortierung ist skalenneutral und basiert nur auf den vereinfachten Intervallfortschreitungen und relativen Dauern.
Im Folgenden möchte ich einige Beispiele zeigen um die Einbettung der Vokalisen sichtbar zu machen.
Die bei den Vokalisen gelegentlich umstrittene metrische Deutung, Fragen der Puls- oder Dauern-Notation sind für meine Sortierung grundsätzlich ohne Bedeutung. Die relativen Dauern werden erst bei Übereinstimmung der Intervallfortschreitungen berücksichtigt.
Manche Melodien sind sehr verbreitet. Es ist schwer zu sagen ob Kontinuität, Konvergenz oder Koinzidenz die Ursache sind, aber das macht wenig Unterschied, allgemein üblich ist jedenfalls der Fall.
Ländler zum Melken. Praktisch gesehen soll Melkende diese Melodie Jodeln. Wir halten fest: Gaßmann für sind Ländler und Jodeln hier kein Gegensatz.
The Jodeln Waltzes. As performed by the Swiss Peasantry at their Public amusements, and by the Rainer Family at the Egyptian Hall, Picadilly London.
Anm. Dieser Jodler wird auch beim Singen von vierzeiligen verwendet. [Pommer 1889p33n44]Und hier noch "dasselbe" Variiert:
Für die folgende Melodie habe ich zur Zeit 35 verschiedene Konkordanzen als Tanz und als Vokalise. 14 Mal steht sie als Stimme einer Vokalise bei Pommer. Es gibt sie als Vokalise bei Josef Felder, Moscheles, Gaßmann, Kohl, Werle, im Schweizer Volksliedarchiv, aber auch als Tanz bei Donat, Schmalnauer, Sladochslabek, Steinegger, als Walzer in der Hanny Christen Sammlung, als oberösterreichischer Landler...
Die folgende Melodie zeigt einen Ansatz zu der Frage nach Koinzidenz, Konvergenz oder Kontinuität. Diese Melodie ist in der Schweiz und in Österreich beliebt.
Eine sehr ähnliche, die "Übernsee"-Melodie findet sich in Österreich oft, in der Schweiz kaum. Koinzidenz und Konvergenz aber würden eher eine gleichartige Verteilung erwarten lassen. Auch hier gibt es wieder enge Verwandtschaft auf anderem Beginnton. Diese Variante wird in machen Traditionen als B-Teil zur ersteren benützt. Intuitiv ist auch die folgende Melodie erstaunlich ähnlich:
Diese Melodie ist inDie Berliner in Wienerstmals belegt.
das folgende Beispiel zeigt gut die Problematik der Unterscheidung von Konvergenz und Kontinuität. Motivisch ident, aber ob die Ursache lediglich im gemeinsamen musikalischen Regelsatz besteht in dem Tonleitern fundamental sind, ist aus dem Material unbeantwortbar.
Pommer schreibt:das „Aflenzer Gläut“ Nr. 61, der „Gradenalmer“ aus Kirchdorf in O.=Ö., der „Hinterberger“ und der „Brettelklieber“ sind nur verschiedene Singweisen eines und desselben Jodlers.(Pommer 1902p)
Immer wieder gibt es auch Fälle in denen ein Lied mit Vokalise auf der Basis nur einer Melodie ausgeführt wird. Zuerst wird auf die Melodie ein Text gesungen, dann wird die selbe Melodie als Vokalise vorgetragen.
Das folgende Beispiel sang Resi Egghart, Steuereinnehmers=Gattin, Josef Pommer 1899 als Lied mit Vokalise vor, in anderen Quellen findet sie sich als Polkateil: Pommer merkt dazu an:
>Darauf folgt dann der voranstehende Jodler. Derselbe wird aber auch oft allein gesungen.
Das folgende Beispiel wurde 1889 von Pommer erstmals als Vokalise publiziert: Es ist die erste Walzermelodie aus Josef Lanners Op. 180, "Abend-Sterne Walzer" - und, die Divinerinnen haben uns die Melodie gesten Abend gesungen, als Wiener Lied.
In Schweden ist diese Melodie in Moll überliefert:
Pomer schreibt dazu:Wird als Jodler wiederholt.
Ein Beispiel mit einer Parallele aus Schleswig-Holstein: Klaus Wenger schrieb mir dazu Folgendes: Michael Thaut hat das Stück in:Das große Fiddlebuch" S. 83 (Voggenreiter Verlag 1981). Dazu schreibt er:"Der Herr Musikdirigent W. Schröoder aus Gleschendorf bei Hohenfelde (Schleswig-Holstein) ging einmal vor langer Zeit (1835) zwischen Schafkoppeln in der Propstei spazieren. Da saß, genau vor der Koppel Lammdal, ein alter Fiddler und spielte diese Melodie. Herr W. Schröder schrieb alles zuhause beglückt auf und nannte das Stück einfallsreich "Vör Lammdal up'n Steen". Es erschien bereits im selben Jahr in einem handgeschriebenen Notenheft im Lauenburgischen.
Zusätzlich zu all diesen ziemlich vollständigen Parallelen gibt es auch viele idente Inzipits. Diese einzuordnen ist schwierig.
Hier sind einerseits die Mechanismen konvergenter musikalischer Regeln besonders wirksam aber wie im folgenden Beispiel ist es auch gut vorstellbar, dass ein konkretes musikalisches Zitat vorliegt, wofür ein Erinnern ans Thema genügt.Resumée
- Vokalisen teilen das melodische Material mit Lied und Tanzmelodie, und zwar nicht nur wenige, ausnahmsweise, sondern häufig.
- Vokalisen teilen das melodische Material häufig weiträumig. Die Melodien sind ungeeignet als Marker kultureller Kleinräumigkeit.
Das gilt im übrigen auch für die Melodien der Lieder und Tänze. Beispiel:- Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Musik als ganzheitliche Gestalt wahrgenommen wird, welche die Wahrnehmung des spezifisch melodischen Aspekts erschwert/ausschliesst. "Alle meine Entchen", "Fuchs du hast die Gans gestohlen" und "Häschen in der Grube" werden als eigenständige Werke gemerkt. Die Gleichheit der Melodie dieser drei Lieder bleibt unbemerkt.
- Einen Besonderen Einfluss bei der Wahrnehmung der langsamen Vokalisen hat vermutlich auch die Geschwindigkeit. Spätestens seit Albert Bregman ist klar, dass die Geschwindigkeit der Abfolge akustischer Ereignisse wesentlich dafür ist, was als auditive Einheit wahrgenommen wird. Langsam ausgeführte Musik ergibt eine andere Klangrede als rasche.
Die gesonderte Betrachtung der Melodien macht das melodische Kontinuum erst sichtbar.
Aus diesem melodischen Kontinuum, Aspekt des Popularmusik-Hintergrundes, kristallisieren Vokalise oder Lied oder Tanzmelodie erst bei Bedarf aus.
- Eine Aussage darüber ob eine Melodie "eigentlich" Vokalise oder Lied oder Tanzmelodie ist nicht sinnvoll.
Als Popularmusik-Hintergrund bezeichne ich die geteilte Erfahrung musikalischen Materials und musikalischer Kultureme. Diese geteilte Erfahrung unterliegt dem Ersten Gesetz der Geographie:
"Everything is related to everything else, but near things are more related than distant things."
(Alles ist in Beziehung zu allem anderen, aber nähere Dinge sind stärker verbunden als fernere. - Waldo. R. Tobler, 1970))Hinweise
Im Zusammenhang mit den Vokalisen des Alpenraumes muss auch die aus der Not heraus geborene Beweglichkeit der Bevölkerung mitbedacht werden: Arbeitsmigration - auch die Alpwirtschaft ist eine saisonale Migration, ambulante Arbeit, Heimarbeit, Viehandel, Kinderverschickung, Söldnertum und Militärdienst, Schmugglerei in der einen Richtung, Fernhandel, Tourismus und Feldzüge in der anderen.
Ein Indiz für die Frage inwieweit Kontinuität oder doch Konvergenz oder auch Koinzidenz vorliegen ist die Beobachtung, dass manche Melodien sehr verbreitet sind, andere sehr ähnliche jedoch nicht. Das spricht eher für die Kontinuität, Konvergenz und erst recht Koinzidenz lassen ja eine Gleichverteilung erwarten. Hier sind weitere Untersuchungen aber unerlässlich.